Katja Richter

 

Die Sonne kletterte über den Rand der Welt, um ihren angestammten Platz am Firmament einzunehmen. Letzte Nebelfelder fielen in sich zusammen und gaben den Blick auf einen wunderschönen klaren Himmel frei. Die Wolken waren mit der Nacht entschwunden. Svartalf und Sarir bestaunten den farbenprächtigen Horizont. Rote, orangefarbene und hellblaue Schleier verbanden sich zu einem marmorierten Pergament, das wie von Künstlerhand mit Pinsel und Tuschekasten gezaubert worden war.          

 

(aus "Der Sohn des Feuerdrachen")

 

Die Finsternis des Burgverlieses schluckte ihn nahezu gänzlich. Einzig das winzige Kerzenlicht, das er vor sich her trug, erhellte die Dunkelheit. Von den steinernen Wänden schienen zahllose Fratzen herabzuschauen. Schädel um Schädel reihten sich die Gänge entlang und bohrten ihre leeren Blicke in Tarek, so dass er schlucken musste. Er fühlte sich beobachtet. Plötzlich hielt er inne und zuckte zusammen. Tarek unterdrückte einen kehligen Laut, der versuchen wollte aus seinem trockenen Hals zu entfliehen und starrte an die Wand zu seiner rechten. Ein Kind eingemauert zwischen Steinen und Schädeln richtete seinen Blick auf ihn. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass das Mädchen tot war. Dennoch schaute sie ihn durchdringend an. Die Kleine schien mumifiziert zu sein. Ihr blondes Haar hing strähnig von ihrem Schädel herab. Eine Schleife zierte einen Zopf, der einmal fröhlich auf dem Kopf des Kindes umhergehüpft sein musste. Die lederne Haut spannte sich runzlig über den knöchernen Schädel und auch ihre Hände glichen denen einer alten Frau. Am Körper trug das Kind ein Kleidchen aus einem von der Zeit zerfressenen Stoff. Tarek konnte seinen Blick kaum abwenden. Bizarr war die Gestalt des Mädchens eingerahmt von unzähligen Schädeln. Er schluckte und setzte seinen Weg fort. Behutsam schlurfte er die Stufen hinab. Tarek fröstelte, während eisige Kälte ihn umfing. Feuchte, modrige Luft kroch ihm in Nase und Knochen und fraß sich durch seine Eingeweide. Tarek verspürte Übelkeit. Vergeblich kämpfte er gegen seinen rebellierenden Magen, der sich mit einem Mal aufbäumte, wie ein wildes Pferd. Er erbrach sich in einer Nische und rang nach Luft.

 

 

 

Dennoch, ihr Gewissen plagte sie weiter und sie fragte sich, ob man überhaupt ein Leben gegen ein anderes aufwiegen konnte. Und wer entschied, welches mehr Gewicht in die Waagschale warf?

 

 

 

Sarir schaute ihm tief in die Augen und ihm war, als würde sie auf den Grund seiner Seele blicken. Noch nie hatte er jemandem sein Innerstes so offenbart. Zärtlich zeichnete sie die Konturen seines markanten Kinns mit ihren schlanken Fingern nach. Sie zog ihn zu sich heran und küsste ihn derart leidenschaftlich, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. In seinem Inneren zerbarsten alle Ängste und Zweifel. Das Mädchen, das er für so schwächlich gehalten hatte, wusste was zu tun war! Ganz gleich was sie vorhatte. Er würde den Weg mit ihr gehen, wo immer er auch hinführen mochte.

 

Yue starrte in den Himmel hinauf. Als sie Tao mit seinem Bären kommen sah, versteckte sie etwas zwischen den Steinen. Um keinen Verdacht zu erregen, schlenderte sie dem Alten entgegen. Der Bär schnüffelte interessiert an ihrer Hand, während Yue ihm den Kopf tätschelte. Dann malte sie mit den Händen Zeichen in die Luft und Tao nickte.

„Lass uns zurückgehen. Deine Mutter sucht dich schon“, sagte Tao. Immer noch schleckte der Bär an Yues Hand herum. Daraufhin zog Tao an der K...ette, die an einem Ring in seiner Nase befestigt war. Das Tier gab einen brummenden Laut von sich und ließ von dem Mädchen ab.
Yue drehte sich noch einmal um und warf einen Blick in den Himmel, dann holte sie den Schamanen und seinen Bären ein. Eilig rannte sie zurück ans Feuer. Als Ruu ihre Tochter kommen sah, ging sie geradewegs auf sie zu und verpasste dem Mädchen zwei schallende Ohrfeigen.

Wild gestikulierend rechtfertigte Yue sich, während ihr Tränen in die Augen schossen. Ruu malte ebenfalls hektische Zeichen in die Luft. Das Mädchen rannte wutentbrannt in einen der bunt bemalten Wohnwagen. Krachend fiel die Tür ins Schloss. „Du bist zu streng zu ihr“, tadelte Tao seine Tochter. „Sie weiß genau, dass sie sich nicht unerlaubt vom Lager entfernen darf“, rechtfertigte Ruu sich. Yue hatte sich in ihrer Schlafkoje zusammengerollt und vergrub ihre Nase in kunterbunten Filzdecken. Immer wieder dachte sie darüber nach, was es wohl mit dem Jungen auf sich hatte, den sie in den Büschen am Fuße des Bergs gefunden hatte. Sie hatte niemandem verraten, dass sie einen Drachen am Himmel herumstreifen sah, ganz so, als wäre er auf der Suche nach etwas. Die glänzende Drachenschuppe, über die sie am Morgen beinahe gestolpert war, hatte sie sorgsam versteckt. Sie musste herausfinden, was all das zu bedeuten hatte. Nachdenklich starrte sie an die Decke und stupste immer wieder ein Windspiel an, das von oben herabbaumelte. Fröhlich klingelten und tanzten die Glöckchen daran und Yue fasste einen Entschluss.

  1.  

 

So etwas wie Heimweh war ihm fremd, hatte er doch nie ein festes Zuhause gehabt. Dennoch füllte sich sein Herz mit Wehmut, die wie eine nie versiegende Quelle sprudelte, aus der man endlos schöpfen konnte, um seinen Durst zu stillen.
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Als Faye sich ihren Jungen nähern wollte, hielt Narvik sie zurück. Er wusste, dass es nur eine perfekte Illusion war. „Manchmal ist der Traum die einzige Gelegenheit unseren Liebsten zu begegnen“, seufzte er.

Die Bauern, an denen die Armee vorbeizog, bekreuzigten sich beim Anblick der abstoßenden Soldaten und Geschöpfe, die nordwärts zogen. Als ein paar Kinder, die den Wegrand säumten mit Steinen nach dem Tross warfen, hielt die Hexe an, stieg von ihrem Kutschbock , schnappte sich das Bürschchen , das sie herausgefordert hatte, drehte ihm vor seinen Geschwistern den Hals um, dass die Knochen nur so knackten, bohrte ihre spitzen Finger in seine Augenhöhlen, riss die Augäpfel heraus und stopfte sie sich genüsslich in den Mund. Speichel troff von ihrem Kinn. Zufrieden wischte sie sich mit dem Ärmel über den Mund, während die anderen Kinder schreiend und weinend das Weite suchten.

„Schon?“, seufzte sie und setzte den Wasserbeutel an, in der Hoffnung ein Schluck des kühlen Getränks würde sie wiederbeleben. Plötzlich spie sie aus und verzog angewidert das Gesicht. „Was zum…?“, murrte sie. „Ich habe etwas hineingetan“, beruhigte sie der Kobold. „Du?“, fragte sie und mit einem Mal war sie hellwach. „Ich habe einige Kräuter gefunden, die einem, na sagen wir es mal so, etwas auf die Sprünge helfen“, erklärte Svartalf seelenruhig. Mergelin betrachtete ihren Wasserbeutel misstrauisch. „Es wird dich beleben und dir einen wachen Geist schenken“, grinste der Kobold. „Aber es schmeckt ekelhaft!“, schimpfte sie. Inzwischen streckten auch die anderen verschlafen ihre müden Glieder. „Na, wenn’s hilft“, seufzte Mergelin und nahm mit säuerlicher Miene einen weiteren Schluck.

Die Angst sie zu verlieren, nistete wie ein giftiger Skorpion in seinem Herzen, der jederzeit bereit war seinen tödlichen Stachel zu versenken und ihn seines Lebens zu berauben.

Sie kroch auf den Knien zu ihm und streichelte zärtlich seinen Kopf. „Sarir“, flüsterte sie und nickte. Sein Fell fühlte sich drahtig an. „Sarir ist ein Stern“, erklärte Tarek mit belegter Stimme und schluckte. Wieder bedachte sie den Wolf mit zärtlichen Blicken und ließ ihre Hand hinter sein Ohr wandern. „Eines Tages werde ich ihn dir zeigen“, versprach er.

 

Der Wolf hetzte durch die Gänge. Rufe hallten von den Wänden wider, Schädel starrten sie an, verfolgten sie mit ihren Blicken, flüsterten seinen Namen und verrieten ihn. Mit klopfendem Herzen gelangte er nach draußen, während ein Pfeil an ihm vorbeizischte.

 

Unzählige Bilder fluteten Tareks Geist. Nach welchem sollte er greifen?

 

Er war es, der den Keim seiner Seele vor langer Zeit in seine Mutter gepflanzt hatte. Einen Samen, der im Herzen wuchs. Eine Seele, die durch Träume und Wünsche ins Leben fand und nur in Gestalt eines Menschen geboren werden konnte. Der Junge vermochte mehr, als es den Anschein hatte.

 

Trau‘ deinen Söhnen mehr zu“, sagte Mariana sanft und lächelte.
„Ja, vielleicht sollte ich das“, seufzte Mergelin. Die unbezwingbare Angst vor dem erneuten Verlust eines ihrer Kinder, nistete in ihrem Herzen. Eingepflanzt an jenem Tag, an dem sie ihr eigen Fleisch und Blut, ihr Liebstes und damit einen Teil von sich selbst für immer verloren hatte, packte isie mmer wieder ihr Herz und füllte es mit Sorge und Zweifeln.

 

Mariana hatte sie heimlich mitgenommen, um ihr die Schönheit der Korallenriffe zu zeigen. Nie zuvor hatte Mergelin etwas von solch atemberaubender Schönheit gesehen. Fische in schillernden Farben, seltsam anmutende Lebewesen wie Seesterne, Quastenflosser und Tintenfische hatte sie bestaunen dürfen. Gigantische Rochen, die auf der Suche nach Getier den Meeresgrund erkundeten und ihre schwingengleichen Flossen durch das Wasser gleiten ließen, hatten sich unmittelbar an ihnen vorbeigeschoben. Noch immer sah sie die bunten Teppiche der Seelilien vor sich. Sie wogten in der Strömung, wie das reife Korn auf den Feldern des Festlands im Wind, das seine Ähren der Sonne entgegenstreckte.

Was hatte er sich eingebildet? Er war ein elender Versager. Wimmernd kauerte er im feuchten Gras. Plötzlich fraßen sich unerträgliche Schmerzen durch seinen Leib. Sein ganzer Körper zuckte und bebte. Knochen brachen krachend, Haut zerbarst während Haare sich durch die Oberfläche bohrten und emporschossen. Seine Hände verformten sich unnatürlich und wuchsen zu gekrümmten Klauen, deren Krallen in den Waldboden schlugen. Unerträgliche Hitze waberte wie Lava in seinen Adern und ...mit jedem Pulsschlag wurde die Glut in seinem Inneren zu einem hungrigen Feuer entfacht, das ihn zu verschlingen drohte. Schmerzensschreie hallten über die Lichtung. Tarek wandte und schüttelte sich. Sein Leib bäumte sich auf. Er warf sich hin und her in der Hoffnung auf Linderung. Für einen kurzen Augenblick glaubte er zu verglühen, dann verlor er das Bewusstsein. Der Morgen graute bereits. Erste Sonnenstrahlen jagten die zähen Nebelfelder von dannen und brachen sich im feuchten Fell eines Wolfes.

 

In dieser Nacht liebten sie sich wie am allerersten Tag. Das Rauschen des Wassers trug sie hinfort und mit jeder Welle einem neuen Tag entgegen.

 

Der Schlaf hüllte alles Leben in einen Mantel des Vergessens und schenkte den Gefährten für wenige Stunden Zuflucht vor den Sorgen und Schmerzen des grellen Tages.

 

 

Ihr Haar klebte tropfnass an ihren vor Verzweiflung verzerrten Gesichtern. Hans stieg auf sein Pferd und ohne sich noch einmal umzudrehen, galoppierte er in die anbrechende Nacht. Mergelin sank auf den Boden und kauerte an einem Grabstein. Mit den Fluten, die der Himmel über das Land goss, wurden auch ihr Lebenswille und ihr Herz hinweggespült.

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